Zwischen Planwirtschaft und Freiheit
Das Leben auf Hiddensee, dem „Söte Länneken“ (süßen Ländchen), war schon immer vom Rhythmus der Ostsee geprägt. Doch der Beruf des Fischers hat in den letzten Jahrzehnten eine dramatische Transformation durchlaufen – von einem staatlich organisierten Lebensmodell in der DDR zu einem einsamen Kampf um Tradition und Existenz in der Gegenwart.
Das Leben in der DDR: Zwischen Planwirtschaft und Freiheit
In der DDR war die Fischerei auf Hiddensee das Rückgrat der Inselgemeinschaft. Während Urlauber die Insel als Refugium für Künstler und Querdenker suchten, war sie für die Fischer ein harter Arbeitsplatz mit klaren Strukturen.
Die FPG „De lütt Fisch“: Die meisten Fischer waren in der Fischereiproduktionsgenossenschaft (FPG) organisiert. Das bedeutete soziale Sicherheit, feste Abnahmegarantien durch den Staat und geregelte Arbeitszeiten – zumindest so weit die Natur das zuließ.
Wohlstand auf der Insel: Fischer gehörten in der DDR oft zu den Besserverdienenden. Der Fang wurde im Fischkombinat Rostock verarbeitet, und Hering sowie Dorsch waren wichtige Devisenbringer oder Grundnahrungsmittel für die Bevölkerung.
Die Grenze im Blick: Hiddensee lag im Grenzbezirk. Wer rausfuhr, stand unter Beobachtung der Grenztruppen. Die Fischer mussten sich an- und abmelden; die Angst vor einer Flucht über die Ostsee schwamm immer mit. Dennoch bot das Meer eine gefühlte Freiheit, die es hinter der Mauer im Binnenland so nicht gab.
Technik und Gemeinschaft: Man fischte mit Kuttern und kleinen Booten. Die Dorfgemeinschaft in Neuendorf oder Vitte war eng verschweißt – man half sich beim Flicken der Netze und beim Instandsetzen der Boote, da Ersatzteile oft Mangelware waren.
Der Aal: Das „Gold“ der Fischer
Wenn man auf Hiddensee vom „Gold“ spricht, meint man nicht das Metall, sondern den Blankaal. Er war und ist der kostbarste Schatz, den die Gewässer rund um die Insel – insbesondere der Bodden – hervorbringen.
In der DDR: Die inoffizielle Währung: In Zeiten der Mangelwirtschaft war der Aal mächtiger als die Mark der DDR. Ein geräucherter Aal öffnete Türen. Er war das perfekte Tauschmittel: Wer einem Handwerker einen „Hiddenseer Goldbarren“ überreichte, bekam Ersatzteile oder Dienstleistungen, die offiziell monatelang gedauert hätten. Der Aal sicherte den Fischern ein hohes Ansehen und einen gewissen informellen Wohlstand.
Der nächtliche Fang: Die Jagd auf den Aal ist ein mystisches Geschäft. Wenn in den dunklen Neumondnächten des Spätsommers der Wind günstig steht, ziehen die Aale aus dem Bodden in Richtung Nordsee, um ihre Reise in die Sargassosee anzutreten. In diesen Nächten schlafen die Fischer nicht. Die Reusen müssen geleert werden, bevor das „Gold“ entwischt.
Vom Brotfisch zum Luxusgut: Heute ist der Aal seltener geworden. Die Fangmengen sind aufgrund strenger ökologischer Auflagen und schwindender Bestände stark reglementiert. Doch genau das hat seinen Wert gesteigert. Für einen Hiddenseer Fischer ist eine gute Aalsaison heute oft das Zünglein an der Waage, das entscheidet, ob das Jahr finanziell erfolgreich war oder nicht.
„Ein Kutter voller Hering ist harte Arbeit – ein Eimer voller Aale ist ein kleiner Schatz.“
Die Zäsur der Wende
Mit dem Mauerfall änderte sich alles. Die staatlichen Strukturen brachen weg, die Fangquoten der EU hielten Einzug, und der Markt wurde plötzlich global. Viele Fischer mussten ihre Kutter aufgeben, da sie mit den industriellen Fangflotten der westlichen Ostsee nicht konkurrieren konnten.
Das Leben Heute: Tradition an der Belastungsgrenze
Heute ist der Fischer auf Hiddensee fast schon eine museale Figur, obwohl das Handwerk noch immer lebendig ist. Es ist ein Leben zwischen Tourismus-Idyll und Existenzangst.
Die Herausforderungen
Quoten und Umwelt: Die Bestände von Hering und Dorsch in der westlichen Ostsee sind dramatisch eingebrochen. Strengste Fangverbote und winzige Quoten machen es fast unmöglich, allein vom Fischfang zu leben.
Überalterung: Es gibt kaum noch Nachwuchs. Die harte körperliche Arbeit bei ungewisser finanzieller Zukunft schreckt junge Insulaner ab.
Anpassung als Überlebensstrategie
Um zu überleben, sind die verbliebenen Fischer in Neuendorf, Vitte oder Kloster heute oft Multitalente:
Direktvermarktung: Der Fisch wird nicht mehr kistenweise an Kombinate abgegeben, sondern direkt vom Kutter verkauft oder in der eigenen Fischräucherei veredelt.
Tourismus: Viele Fischer bieten Ausflugsfahrten an oder vermieten Ferienwohnungen. Der Gast möchte das „authentische“ Hiddensee erleben, was den Fischern eine neue Einnahmequelle sichert.
Kulturwächter: Sie sind die Bewahrer der niederdeutschen Sprache und der maritimen Bräuche, die Hiddensee seine Seele verleihen.
„Früher lebten wir vom Fisch, heute leben wir oft trotz des Fisches – und für die Liebe zur See.“
Das Leben als Fischer auf Hiddensee ist heute ein Balanceakt. Es ist der Versuch, eine jahrhundertealte Identität in einer modernen Welt zu bewahren, in der die Natur den Takt vorgibt und die Politik die Grenzen zieht.
© I Insel Hiddensee 360 I Lars Arnold Photography