Insel

Hiddensee

Hiddensees Erbe: Die Magie der Hausmarken

 

Wer durch die schmalen Wege Hiddensees wandert, entdeckt an vielen Giebeln und Haustüren seltsame, geometrische Zeichen. Es sind keine Runen oder moderne Kunst, sondern Hausmarken – ein jahrhundertealtes System der Identifikation, das auf der Insel länger überlebt hat als fast überall sonst in Europa.

 

Identität ohne Worte

 

In einer Zeit, in der das Lesen und Schreiben ein Privileg Weniger war, boten Hausmarken eine einfache Lösung: Ein Symbol, das jeder erkennt. Diese Marken wurden nicht nur an Häusern angebracht, sondern auch in das Holz von Fischerbooten geritzt oder in Netze geflochten. Sie waren die „Logos“ der Sippen.

 

Das Haus als Rechtsperson

 

Das Besondere am Hiddenseer System ist die Hausbindung. Während Wappen in anderen Regionen an Blutslinien gebunden sind, bleibt die Hausmarke auf der Insel beim Gebäude. Wenn ein Haus verkauft wurde, ging das Zeichen auf den neuen Besitzer über. Diese Kontinuität ist beeindruckend: Bis ins Jahr 1976 wurden die Marken sogar in juristischen Angelegenheiten verwendet.

 

Kreative Namen aus dem Volksmund

 

Die Bezeichnungen der Marken sind so urwüchsig wie die Insel selbst. Wenn die Fischer vom „Spadn“ (Spaten) oder der „Hahnenfaut mit’n Knäwel“ (Hahnenfuß mit Knebel) sprachen, wusste jeder sofort, welches Haus und welche Gemeinschaft gemeint war.

 

Die Hausmarken sind quasi das „Hiddenseer Wappen“ – ein archaisches System, das weit vor der allgemeinen Schreibfähigkeit entstand.

 

Das „Logo“ des Fischers

 

Da viele Fischer früher weder lesen noch schreiben konnten, entwickelte jede Familie ein eigenes, meist aus geraden Linien bestehendes Symbol. Es erinnert oft an Runen, ist aber eine rein funktionale Erfindung.

 

• Rechtliche Bedeutung: Die Marke wurde nicht nur über der Haustür in den Balken geritzt, sondern auch in die Ruder, Netze, Boote und sogar in das Vieh gebrannt. Was die Marke trug, gehörte der Familie.

• Erbstück: Die Marke ging vom Vater auf den Sohn über. Verzweigte sich eine Familie, wurde dem Originalsymbol oft ein kleiner Strich (ein „Beistrich“) hinzugefügt.

• Grabsteine: Selbst auf den Friedhöfen in Neuendorf und Grieben findet man diese Zeichen anstelle von Namen – ein Symbol für die Identität über den Tod hinaus.

 

Heute

 

Wenn du heute durch Neuendorf spazierst, achte mal auf die Haustüren oder die kleinen Schilder. Viele Bewohner pflegen diese Tradition stolz weiter, um die Verbindung zu ihren Vorfahren, den „Fischerbauern“, lebendig zu halten.

 

 

Typische Formen der Hausmarken

 

Die Grundformen basieren oft auf vertikalen Linien, die dann durch Quer- oder Schrägstriche individualisiert wurden. Man nennt diese oft nach ihrem Aussehen:

 

Der Kesselhaken: Sieht aus wie ein umgedrehtes „L“ oder eine Angel.

Der Doppelhaken: Ein vertikaler Strich mit zwei Widerhaken oben oder unten.

Das Kreuz: Oft mit zusätzlichen Strichen an den Enden, um es von anderen Familien abzugrenzen.

Pfeile oder Dreiecke: Symbole, die nach oben (Himmel) oder unten (Erde/Meer) zeigen.

 

Wenn du in Neuendorf, Vitte unterwegs bist, schau mal auf:

 

Die Haustüren: Oft direkt im Türsturz oder auf einer kleinen Plakette daneben.

Bootsstege: Manchmal sind sie in die Pfosten am Hafen geritzt.

Holzpfosten der Weiden: Selbst dort werden sie vereinzelt noch als Eigentumsnachweis genutzt.

Hier sind einige der klassischsten Formen, wie sie in Neuendorf an den Türen zu finden sind. Da man sie früher mit dem Messer ritzte, bestehen sie nur aus einfachen Strichen:

 

 

© I  Insel Hiddensee 360  I  Lars Arnold Photography